griechische Kunst: Erwachen einer neuen Formenwelt


griechische Kunst: Erwachen einer neuen Formenwelt
griechische Kunst: Erwachen einer neuen Formenwelt
 
Wann beginnt die griechische Kunst? Es ist noch nicht lange her, dass man auf eine solche Frage ohne Zögern mit einem Datum um 1000 v. Chr. aufwartete. Natürlich wusste man um die älteren Hochkulturen auf griechischem Boden, die minoische Kultur auf der Insel Kreta und die vom griechischen Festland ausgehende mykenische Kultur. Sie hat unzweifelhaft im 12. Jahrhundert v. Chr. ein Ende gefunden. Gut zwei Jahrhunderte hindurch schien die ganze Region in einen zivilisatorischen Tiefschlaf verfallen zu sein. In der archäologischen Forschung sprach man von den »dunklen Jahrhunderten«.
 
Insbesondere die Grabungen in der weiten Ebene von Argos, dem Zentrum der mykenischen Kultur, haben in den zurückliegenden Jahren neue Aufschlüsse über die Neuformierung Griechenlands im ausgehenden 2. Jahrtausend v. Chr. erbracht. Das Leben erlosch nicht. Wohl aber kam es zu einer revolutionsartigen Veränderung der politischen und sozialen Strukturen. Dem gingen nachweislich klimatische Probleme und in deren Folge Missernten voraus. Ein Zuzug von Bewohnern aus dem mittleren Balkan brachte zusätzliche Unsicherheiten. Die Vermischung der Zuwanderer mit der ansässigen Bevölkerung verlief in den verschiedenen Regionen Griechenlands sehr unterschiedlich. Mancherorts ordneten sich die Zuwanderer unter, andernorts prägten sie nun das Zusammenleben.
 
Dieses neue Griechentum ist uns seit dem 10. Jahrhundert auch mit Erzeugnissen seines Kunstschaffens bezeugt: neben getöpferten Gefäßen und verschiedenen Gerätschaften aus Metall sind es vor allem kleinformatige Menschen- und Tierfiguren aus Bronze und Ton. Diese Kunst weist höchst anspruchsvolle und eigenständige Züge auf. Ein wesentlicher Bereich der frühgriechischen Kunst bleibt uns aber wegen der Unbeständigkeit und Empfindlichkeit des verwendeten Materials verborgen: es sind die Werke der Schnitzkunst. In der antiken Überlieferung ist oftmals von kunstvoll gefertigten Geräten und Möbeln die Rede. Vielfach werden sie in den homerischen Epen beschrieben. So heißt es zum Beispiel im 19. Gesang der Odyssee: »Sie aber kam aus der Kammer, die kluge Penelopeia, Artemis glich sie, sie glich auch der goldenen Aphrodite. Nahe ans Feuer, wo gerne sie saß, verschob man den Lehnstuhl, Elfenbein war er und silbern; der Meister Ikmalios hatte einst ihn gedrechselt und gleich aus dem nämlichen Stück für die Füße unten den Schemel befestigt.« Einen schwachen Abglanz dieses Kunstzweiges liefern einige in athenischen Gräbern gefundene geschnitzte Elfenbeinstatuetten aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. In Analogie zu den recht gut erhaltenen phönikischen Prunkstühlen aus Kalach und Arslan Tasch finden die athenischen Statuetten aus dem kostbaren, importierten Material ihre beste Erklärung als Zierelemente von Betten und Stühlen.
 
Ein weiterer blühender Kunstzweig der frühgriechischen Zeit ist uns gleichfalls nur ausschnitthaft bekannt: es sind die aus dünnem Metall getriebenen Schmuckreliefs. Die Gold- und Silberarbeiten sind weitgehend verloren. Die aus der widerstandsfähigeren Bronze gefertigten Kunstwerke geben uns jedoch eine gute Anschauung von der frühgriechischen Konvention, glatte Flächen an Möbeln, insbesondere an Truhen, mit einer reliefierten Bronzehaut zu verkleiden. Neben ornamentalen Motiven sind auch Szenen der Mythologie ins Bild gesetzt worden.
 
Doch nicht nur Möbel sind in dieser Art geschmückt worden. Ganze Hauswände waren von einer solch kunstvoll ausgearbeiteten Metallhaut überzogen. Erneut ist Homer im 7. Gesang der Odyssee unser Zeuge: »Odysseus ging aber nun zum berühmten Palast des Alkinoos. Stehen blieb er: Das Herz schlug hoch vor dem Tritt auf die eherne Schwelle, lag doch ein Glanz wie von Sonne und Mond hinauf bis zur Decke; allseits stiegen die Mauern empor, vom Boden bis zum höchsten Winkel waren mit Erz sie verkleidet.« Reste solcher großflächigen bronzenen Wandverkleidungen fanden sich bei den Ausgrabungen in Olympia.
 
Eine auch archäologisch gut bezeugte Gruppe von frühgriechischen Kunstwerken stellen die Dreifüße dar. Ursprünglich als Kochkessel zum Aufstellen über dem Herdfeuer bestimmt, haben sich diese aus Bronze getriebenen Kessel im 9. und 8. Jahrhundert v. Chr. zu einer höchst anspruchsvollen Kunstform entwickelt. Sie wurden als Wettkampfpreise oder als Gastgeschenke überreicht und begegnen in den Heiligtümern aller Gottheiten als bevorzugte Weihgeschenke des frühgriechischen Adels. Aus den zahllosen Fragmenten, die wiederholt bei den Ausgrabungen in Olympia geborgen wurden, lassen sich Abmessungen von bis zu 3 m Höhe errechnen. Allein der Materialwert war enorm. Das eindrucksvolle Erscheinungsbild dieser wahrhaft monumentalen Kunstwerke wurde noch durch den Reliefschmuck erhöht, der die glatten Außenflächen der Standbeine zierte.
 
An den figürlichen Darstellungen der Dreifußbeine lässt sich sehr gut die Gestaltungsweise der frühgriechischen Bildkunst nachvollziehen. Die menschlichen Körper sind reduziert auf extrem lange Beine, einen zum Dreieck geformten Oberkörper sowie vergleichsweise kurze Arme und den ebenfalls klein ausgebildeten Kopf. Dass sich darin nicht darstellerisches Unvermögen äußert, sondern eine geistvolle Abstraktion, lehrt ein Blick in die gleichzeitige Literatur. Die Brust ist in der Vorstellung Homers Sitz der Entschlossenheit und des Muts. Eine »breite Brust« ist bei ihm daher eine sinnbildliche Formel für »große Tapferkeit«. In den Beinen liegt die Fähigkeit zu behänder Beweglichkeit, eine der Voraussetzungen für einen erfolgreich agierenden Mann. Um einen Krieger im Vollbesitz dieser standesgemäßen Fähigkeiten zu zeigen, wird seine »breite Brust« folgerichtig auch dann in voller Ansicht gezeigt, wenn die Figur als solche im Profil erscheint. Dieser stark stilisierende Stil, der die Gestalten aus symbolträchtigen Einzelelementen zusammensetzt, auffallend zum beispiel auch bei den Pferdefigürchen, wird als »geometrisch« bezeichnet. Er hat der ersten ausgeprägten Kunstepoche des neugeformten Griechenland ihren Namen gegeben.
 
Prof. Dr. Ulrich Sinn
 
 
Charbonneaux, Jean u. a.: Das archaische Griechenland. 620—480 v. Chr. Aus dem Französischen. München 21985.
 Hampe, Roland und Simon, Erika: Tausend Jahre frühgriechische Kunst. 1600—600 v. Chr. München 1980.

Universal-Lexikon. 2012.